Es sind Töne, die aus der Zeit gefallen sind. Doch was Trend ist und was nicht, ist dem 67-Jährigen egal. Auch die jungen Leute auf der Shabazi Street scheint es nicht zu stören, wenn Amnon den Nachbarschafts-DJ spielt. "Jeder hier kennt mich", sagt der Rentner mit dem Ghandi-Gesicht, "und jeder liebt mich."
Vor allem liebt jeder Neve Tzedek. Wie eine Puppenstube wirkt Tel Avivs winziger Gründungsstadtteil, in dem 125 Jahre alte Häuser die schmalen Straßen säumen. Sträucher überwuchern verrottete Mauern, Kaffee duftet aus einer Bäckerei, eine Katze springt von einem mit Blumen dekorierten Sims. Neve Tzedek ist das Großstadtidyll, in das man sich als Tel-Aviv-Besucher einfach verlieben muss.
"Noch vor 30, 40 Jahren war das hier ein Slum", sagt Amnon. "Arm, schmutzig, kriminell." Heute führen die Reichen und Schönen in Neve Tzedek ihre Schoßhunde und Ray-Ban-Sonnenbrillen aus. In sandfarbenen oder bunt gestrichenen Häusern eröffnen immer mehr Galerien, Schmuck- und Schuhläden, Cafés. Viele Fassaden haben architektonische Botox-Kuren hinter sich, im Boutiquehotel Nina kostet eine Nacht zwischen 250 und 410 Euro.
Einblicke in Häuser und Herzen
Touristen lieben solche Viertel. Wenn der Putz bröckelt und der Latte Macchiato schmeckt, kommen sie aus dem Schwärmen nicht mehr raus. Ob die Lower East Side in New York oder Berlin-Kreuzberg, es sind Orte wie diese, die als Kult- oder Szeneviertel im Reiseführer angepriesen werden. Dann wird nach allen Regeln der Kunst und des Kommerzes saniert, was noch mehr Touristen anlockt - und den Anwohnern meistens Sorgen bereitet.
Doch während sich Kreuzberger über Besuch echauffieren und ihren Stadtteil gerne für sich hätten, bereitet Neve Tzedek seinen Gästen einen herzlichen Empfang. Die Menschen aus der Nachbarschaft erzählen Touristen ihre Geschichten, sie gewähren Einblicke in ihre Häuser und Herzen. Amnon Nissim ist nur einer von ihnen.
Der pensionierte Israeli ist in Tel Avivs Gründungsstadtteil aufgewachsen und hat Verfall wie Renaissance von Neve Tzedek erlebt. Manchmal steht er auf der kleinen Kreuzung vor seinem Haus und wartet. Auf Menschen. Wer ihm in sein Haus folgt, erfährt die Geschichte eines einsamen Mannes, der sich als wandelndes Ausstellungsstück einer historischen Sammlung versteht - und damit sehr glücklich zu sein scheint.
In weiße Sportklamotten verpackt, die Tennissocken hochgezogen, fängt Amnon an zu erzählen: Er komme gerade vom Strand, wo er mit einem Freund Matkot gespielt hat - so wie er das seit mehr als 50 Jahren jeden Tag tut. Matkot, so heißt der Nationalsport der Tel Aviver, der bei uns besser unter dem Begriff Beachball bekannt ist. "Matkot ist ein friedliches Spiel", sagt Amnon, und ein Strahlen liegt auf seinem von der Sonne gebräunten Gesicht. "Es ist die einzige Sportart, bei der du nicht gegen jemanden spielst, sondern mit jemandem."
300 Matkot-Schläger
Wie sehr er das Spiel liebt, wird in der Shabazi Street 61 klar. "Guck! Mich! An!", scheint die Fassade zu schreien. An seine Hauswand hat Amnon Dutzende Beachball-Schläger genagelt: rote, grüne, blaue. Dahinter, im ersten Stock, befindet sich das "Matkot-Museum", so nennt der drahtige Mann seine vielleicht 40 Quadratmeter große Wohnung.
In zwei ineinander übergehenden Räumen, in denen Amnon schläft, isst und Musik hört, stellt er mehr als 300 Matkot-Schläger aus. Sie sind aus Holz oder Carbon, einer gar aus Marmor. "Mit manchen davon habe ich gespielt", sagt Amnon, "aber die meisten haben mir Leute aus Übersee geschickt."
Amnon ist eine Berühmtheit ohne Glamour, ein Mann, der seine Besucher rührt. So dick wie ein Telefonbuch ist sein Gästealbum, in das sich Reisende aus aller Welt eingetragen haben: "Du bist eine besondere Person, Amnon" oder "Das ist das schönste Museum der Stadt" - mit Sätzen dieser Art sind die Seiten gefüllt. "Ich hatte Dänen, Australier und Deutsche zu Besuch", sagt Amnon mit seiner hohen Stimme, "sogar aus Japan kamen sie zu mir."
Nein, er selber reise nicht. Zwar hat er eine Wand in seiner Wohnung mit Weltkarten tapeziert - und über seinem Bett hängen kitschige Gemälde, die griechische Inseln und bergige Landschaften mit Wasserfällen zeigen. Doch er selber sei lieber hier geblieben, in seiner Nachbarschaft. "Ich musste meine Eltern pflegen", sagt der Sohn jemenitischer Einwanderer, die seit langem tot sind.
So wie die französische Chanson-Sängerin Dalida, die Amnon verehrt und von der immer noch ein vergilbtes Foto neben seinem Bett mit der Tigerwolldecke hängt. "Paroles, paroles, paroles", singt er leise, während er die Frau ansieht, die dieses Lied 1973 zusammen mit Alain Delon hauchte. Worte, Worte, Worte.
Straßenkunst auf Hebräisch
Wer die Shabazi Street hinunterschlendert, wird noch öfter an diese Melodie erinnert. An beinahe jeder zweiten Straßenecke begegnen einem Sperrmüll-Kunstwerke mit hebräischen Schriftzeichen. Es sind Kunstwerke der jungen Dichterin Nitzan Mintz, die sie über das ganze Viertel verteilt.
Wer des Hebräischen nicht mächtig ist, dem wird die Schönheit von Nitzans Sprache verborgen bleiben. Bei einem Rundgang durch ihre Freiluftgalerie erzählt die 21-Jährige, was sie bewegt, worum es bei ihrer Straßenkunst geht.
"Ich habe während meiner Zeit beim Militär mit dem Schreiben begonnen", sagt Nitzan. Ihre Stimme ist tiefer, als man es von der Kunststudentin mit dem feinen, langen Haar und dem Puppengesicht erwarten würde. Zwei Jahre lang war sie bei der israelischen Armee. "Es war die beste Zeit meines Lebens", sagt sie. "Einerseits." Und andererseits? "Die haben mir meine Freiheit geklaut." Es sind ambivalente Gefühle, die Nitzan in ihren Gedichten verarbeitet. "Sie handeln von Verlust, von Liebe, von Politik."
Gut hundert Kunstwerke von Nitzan schmücken inzwischen Tel Aviv. An einem Laternenpfahl ein paar Straßen weiter hängt der zerbrochene Körper einer E-Gitarre, auf den sie ein Gedicht geschrieben hat.
Viele ihrer Objekte bestehen jedoch schlicht aus alten Brettern. "Meine Lieblingsgedichte signiere ich nach und nach", sagt Nitzan, während sie eine Schablone mit hebräischen Schriftzeichen und einen Filzstift aus ihrer blauen Coco-Chanel-Umhängetasche fischt. "Die hab ich auf dem Flohmarkt gekauft", sagt Nitzan, "ist eine Fälschung." Sie werfe kein Geld zum Fenster raus. Auf einer Ausstellung neulich habe sie eins ihrer Gedichtkunstwerke verkauft. "500 Euro hab ich dafür bekommen", sagt sie. Das Geld ging an einen wohltätigen Zweck.
Wo Tel Avivs Herz schlägt
Nitzan Mintz ist nicht nur eine junge Studentin, die ihrer Generation eine poetische Stimme gibt. Sie ist die Ur-Ur-Enkelin von Shimon Rokach, dem Gründer von Tel Aviv. 126 Jahre ist es her, dass er ein Haus nördlich des arabisch geprägten Stadtteils Jaffa baute. Von hier breitete sich zunächst Neve Tzedek aus, in dem Künstler und Intellektuelle wie der Nobelpreisträger Samuel Joseph Agnon lebten, dann entstand Tel Aviv. Wenn eine Stadt ein Herz hat, dann schlägt es hier, in der Shimon Rockach Street 36.
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