Unter einer strengen Knute
Post by (schmuck) Mar 2012
Der Geistliche hockt auf dem Bauern, der den Jungen züchtigt: ein provozierendes Werk des Künstlers Peter Lenk auf dem Marktplatz von Ravensburg. Foto: HeissRavensburg - Auf den Märkten in Oberschwaben wurden im 19. Jahrhundert nicht nur Vieh und Korn gehandelt, sondern auch Kinder. Viele von ihnen hatten einen langen Fußmarsch über verschneite Alpenpässe hinter sich, erst als der Fortschritt Einzug hielt, kamen immer mehr Kinder mit der Bahn und dem Dampfschiff nach Oberschwaben. Im zweiten Teil der Serie über die Schwabenkinder geht es auf den Hütekindermarkt von Ravensburg, auf dem im April 1895 die zwölfjährige Amalie Lenz aus Schruns im Montafon ankommt. Sie arbeitet bei einem Bauern als Dienstmädchen. Historiker haben in Archiven geforscht und mit ihrer Enkelin gesprochen, um das Schicksal des Mädchens zu erhellen. Die Spurensuche ist Teil eines Gesamtprojekts, in dem Italien, Österreich, die Schweiz und Deutschland die Kinderarbeit in einer Vergangenheit erforschen, die noch nicht zu fern ist. Wie erging es Amalie Lenz? Und gibt es den Hof heute noch, auf dem sie damals unterkam?
Ein Markt für Kinder
In der Bachstraße fließt der Strom der Einkäufer. An einem lauen Frühlingstag plätschert das Leben durch das Ravensburger Sträßchen. Schüler schlendern über das Kopfsteinpflaster, kaum einer von ihnen blickt an jenem gelb getünchten Haus empor, in dem ein Juweliergeschäft Ringe, Uhren und Ketten in den Schaufenstern ausgelegt hat. Der Stadt im Hinterland des Bodensees geht es glänzend, die Arbeitslosenquote liegt niedriger als in jedem anderen Kreis Baden-Württembergs. Doch an der Eckfront des Juwelierhauses wölbt sich im ersten Stock eine Skulptur auf die Straße hinaus, die an eine Zeit erinnert, als der Wind in den Ravensburger Straßen noch rauer wehte. Die Skulptur stammt vom Bildhauer Peter Lenk, dem der Ruf vorauseilt, ein Kirchenhasser zu sein.schmuck online shop
Sie vereint drei Menschen – ganz oben thront ein feister Mönch, der auf den Schultern eines hageren Bauern hockt, der wiederum mit der rechten Hand einen Stock schwingt, um unter sich einen schmalschultrigen Jungen zu züchtigen. So blickt der Künstler Peter Lenk auf die Zeit der Schwabenkinder, die sich über Jahrhunderte hinweg auf den Märkten von Ravensburg, Friedrichshafen, Tettnang und vielen anderen Städten als Hütejungen und Dienstmägde verdingen mussten (siehe Grafik). In ihrer Heimat, die in Graubünden, Voralberg oder Norditalien lag, gab es genug nur an Hunger und Not. Im reicheren Oberschwaben verdienten die Kinder für ihre Familien gutes Geld.
Andreas Schmauder verharrt zu Füßen der Skulptur. Schmauder leitet in Ravensburg das Haus der Stadtgeschichte, er erinnert sich noch gut an den Streit über das Kunstwerk. Genau wie viele andere Museen beschäftigt sich auch das Humpis-Museum in Ravensburg in diesem Frühjahr mit der Geschichte der Schwabenkinder. „Historisch betrachtet“, sagt Schmauder, „ist die künstlerische Aussage von Lenks Skulptur zumindest fragwürdig.“ Er sieht die Rolle der Geistlichen, die sich seinerzeit im Hütekinderverein für das Wohl der Mädchen und Jungen engagierten, weniger kritisch als Lenk. Schmauder hat sich zu lange mit den historischen Fakten beschäftigt, um mit dem Blick von heute auf die Kinderarbeit im 19. Jahrhundert zu schauen. Er hat zu viele Einzelschicksale der kleinen Wanderarbeiter erforscht, um nur Schwarz und Weiß zu sehen.
Das Schicksal der Amalie Lenz
Eines jener Schicksale führt zurück zum 6. April 1895, als das gelbe Haus in der Bachstraße noch keinen Schmuck in den Auslagen hatte. Bevor das Juweliergeschäft einzog, hatte im Eckhaus der Gasthof zur Krone seinen Ausschank. Die Krone war weithin bekannt, und an den Markttagen wurde hier oft per Handschlag das Schicksal von acht- bis 14-jährigen Jungen besiegelt, die für ein halbes Jahr lang das Vieh ihrer neuen Herren hüteten. Es kamen aber auch Mädchen ins Schwabenland. Und an jenem Apriltag muss auch Amalie Lenz, die alle nur Mali nannten, vor dem Gasthof Krone eingetroffen sein. Die Zwölfjährige stammte aus dem österreichischen Schruns. Mali hatte drei ältere Schwestern. Ihr Bruder Anton, der ein Jahr vor ihr geboren wurde, war nach drei Monaten gestorben.
Malis Vater arbeitete in Schruns als Bauer. Für die Familie Lenz muss es schwer gewesen sein, den Lebensunterhalt zu bestreiten, sonst hätten sie die Mali nicht nach Oberschwaben geschickt. Die Mitarbeiter des Ravensburger Museums haben die Taufregister der Familie ausgewertet, in den Dienstbotenverzeichnissen jener Zeit geforscht und mit Malis Enkelin über ihre Großmutter gesprochen. So entstand in mühsamer Arbeit ein Bild von Malis Zeit als Schwabenkind.
Vor dem Gasthof Krone muss an jenem 6. April dem Bauern Xaver Fricker das Mädchen aufgefallen sein. Fricker war 36 Jahre alt, erst drei Jahre zuvor hatte er nach dem Tod seines Vaters den Hof übernommen und noch im selben Jahr geheiratet. Inzwischen lebten zwei kleine Kinder mit auf dem Hof, seine Frau war schon wieder schwanger, und er brauchte sie dennoch, um ihm bei der Hofarbeit zu helfen. „Es liegt nahe, dass er Mali deshalb als Kindermädchen beschäftigen wollte“, sagt Andreas Schmauder. Ein Foto aus jener Zeit zeigt Mali mit ernstem Blick, die dunklen Haare zurückgesteckt, die Lippen schmal. Erst 1921 wurde in Württemberg auf politischen Druck hin auch für ausländische Kinder die Schulpflicht eingeführt. Im Frühjahr 1895 jedoch profitiert Xaver Fricker davon, dass Mali nicht zur Schule musste. Noch war harte körperliche Arbeit gefragt, und kaum jemand ahnte, dass viel später einmal nicht nur Eisen und Stahl, sondern auch Bildung als ein Rohstoff mit Zukunft gelten würde.Wenn Sie an paar schmuck interessiert sind,bitte besuchen unsere Website: schmuck billig